Arbeiten in Deutschland: eine Podiumsdiskussion für arbeitsuchende Italiener

Wie sollte die Bewerbung für einen deutschen Arbeitnehmer aussehen? Welche kulturellen Unterschiede sollte man unbedingt berücksichtigen und wie wichtig ist multikulturelles Denken?

Über diese und andere Fragen wurde bei der Podiumsdiskussion „Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt – Interkulturelle Kompetenzen“ debattiert, die am 23. November im Sala ENIT in Frankfurt am Main stattfand [Die Organisation des Event erfolgte durch das Komitee der im Ausland lebenden Italiener „Comites Frankfurt“ und wurde durch die Italienische Handelskammer für Deutschland sowie den Generalkonsul Cristiano Cottafavi unterstützt].

Mit einem Post und einem Video berichten wir heute über die Ratschläge der Experten für die Kandidaten italienischer Herkunft, die auf der Suche nach einer Anstellung in Deutschland sind.

1. Der erste Schritt: Einen standardisierten Lebenslauf vermeiden

„Man sollte auf keinen Fall eine standardisierten Vorlage für den Lebenslauf verwenden, wie z.B. die von Europass.“

So lautete der Ratschlag von Maurizio Matera, dem Direktor für Personalwesen bei der Fiat Group Automobiles Germany, und von Francesco D’AnielloHeadhunterbei Fischer Associates, einem deutschen Unternehmen für Personalauswahl.

Ein doppelter Ratschlag aus dem Munde zweier Menschen, die tagtäglich Kandidaten, seien es Italiener oder Menschen anderer Herkunft, für den deutschen Arbeitsmarktauswählen.

Weniger ist mehr“, ergänzt Maurizio Matera „der Lebenslauf sollte stichpunktartig aufgebaut sein und die Aufgaben, die der Kandidat in seinen vorherigen Positionen erfüllt hat, beschreiben.“

Claudia Nikolai, Geschäftsführerin der Italienischen Handelskammer für Deutschland, weist die italienischen Kandidaten darauf hin, wie wichtig es ist, der Bewerbung Referenzschreiben beizufügen.

2. Wann ist es von Vorteil, multikulturell zu sein?

Im Mittelpunkt der Diskussion stand auch das von der Professorin Elisabetta Moneta Mazza von der Università degli Studi dell’Insubria vorgestellte Konzept derMultikulturalität.

Die Multikulturalität eines Kandidaten ist ganz sicher dann von Vorteil“ erklärte Francesco D’Aniello, „wenn die Position bestimmte Kompetenzen verlangt, wie z.B. das Führen von Beziehungen zum Ausland oder zum Herkunftsland des Kandidaten.“

3. Eine gute Beherrschung der Sprache ist ganz entscheidend

„In manchen Fällen hingegen“ warnt Angela Hornberg, Gründerin von AHC – Advance Human Capital, „kann Multikulturalität auch von Nachteil sein.“

„Deshalb ist eine gute Beherrschung der deutschen Sprache ganz wichtig“, bestätigt Angela Hornberg weiter. „Die Sprache ist in der Tat das wichtigste Mittel, um die Mentalität und die Arbeitswelt der Deutschen genau zu verstehen“, ergänzt Claudia Nikolai.

4. Das EURES-Projekt für einen professionellen Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt

Michele Villa, Geschäftsführer der Gi Group, einem italienischen Personaldienstleistungsunternehmen mit Gesellschaften in mehr als 20 Ländern, stellte das Europaprojekt EURES vor.

Das EURES-Projekt, für das die Gi Group einer der Vertreter ist, verfolgt das Ziel, den Einstieg von jungen, arbeitslosen Europäern in den Arbeitsmarkt intensiver zu fördern.

„Wir haben den europäischen Arbeitsmarkt analysiert und Deutschland als eines der Länder identifiziert, das neue Arbeitnehmer aufnehmen kann“, erklärt Michele Villa. „Im Rahmen des Projektes schauen wir uns die Stellenangebote aller Branchen an, wählen die in Frage kommenden aus und vermitteln dann potentielle Kandidaten. Vor allem begleiten wir die Kandidaten, auch finanziell, während des gesamten Prozesses bis zum Bewerbungsgespräch in Deutschland.

Die Ratschläge für eine erfolgreiche Arbeitsuche in Deutschland: stichpunktartig zusammengefasst

  • Einen standardisierten Lebenslauf vermeiden (z.B. EuroPass-Vorlage)
  • Der Lebenslauf sollte kurz und bündig sowie stichpunktartig verfasst sein
  • Referenzschreiben vorheriger Arbeitgeber der Bewerbung beilegen
  • Eine gute Beherrschung der deutschen Sprache ist (fast immer) entscheidend
  • Multikulturalität ist nur manchmal von Vorteil (z.B. wenn das Führen von Beziehungen zum Ausland oder zum Herkunftsland des Kandidaten zu den Hauptaufgaben gehört)

Das Video der Podiumsdiskussion „Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt – Interkulturelle Kompetenzen“

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Welche Fehler man beim Erstellen einer Bewerbung für den deutschen Arbeitsmarkt besser vermeiden sollte

Francesco D’Aniello – Herbold Fischer Associates, Partner

Der klassische Fehler, den ein Italiener beim Erstellen einer Bewerbung begeht, ist die Verwendung einer standardisierten Lebenslauf-Vorlage, wie z.B. Europass. Wir sind ja nicht auf der Suche nach Lebensläufen, sondern nach Menschen, nach Persönlichkeiten. In Deutschland sind die Lebensläufe individueller gestaltet, neben den allgemeinen Angaben werden auch die Ziele und Erfolge, die realisierten Projekte und die persönlichen Interessen aufgeführt. Neben den beruflichen Erfahrungen kommt auch der Mensch selbst zum Vorschein. Sagen wir mal, sie sind fantasievoller.

Maurizio Matera – Fiat Group Automobiles Germany AG, Direktor für Personal & Organisation

Weniger ist mehr. Die Deutschen haben in der Regel einen individuelleren Lebenslauf. Sie geben die einzelnen Positionen ihrer Karriere an und ergänzen dann stichpunktartig die ausgeführten Aufgaben.. In italienischen Lebensläufen, die ich auch sehr häufig erhalte, erfolgt die Aufgabenbeschreibung nicht stichpunktartig, sondern in ganzen, aneinanderhängenden Sätzen…“

Claudia Nikolai – Italienische Handelskammer für Deutschland, Geschäftsführerin

Ich bin zwar nicht so sehr im Personalwesen spezialisiert, wie die anderen hier Anwesenden, aber in Bezug auf deutsche Referenzschreiben bin ich immer etwas skeptisch, da sie in Deutschland einfach Gang und Gebe sind und jeder Arbeitnehmer am Ende eines Arbeitsverhältnisses versucht, das Beste für seine Referenz auszuhandeln. Da Referenzschreiben in Italien nicht so häufig sind, finde ich sie einfach informativer und pragmatischer als die deutschen.Die italienischen Kandidaten sollten unbedingt bedenken, dass diese Referenzschreiben in Deutschland ganz wichtig sind.

Wie wichtig ist die Kenntnis der deutschen Sprache?

Claudia Nikolai – Italienische Handelskammer für Deutschland, Geschäftsführerin

Eine gute Sprachkenntnis ist nicht das allentscheidende Kriterium, aber sie ist deshalb wichtig, weil die Sprache einem den Zugang zur Kultur des Landes ermöglicht.Wenn jemand die deutsche Sprache nicht spricht, aber viele andere Kompetenzen und Qualifikationen für die gesuchte Position aufweist, so bin ich mir doch zu 100% sicher, dass die Person die deutsche Arbeitswelt, die deutsche Denkweise und die deutsche Kultur nicht wirklich kennt, weil er eben die Sprache nicht spricht. Deshalb ist für mich die Sprachkenntnis so wichtig, sie bescheinigt dem Kandidaten eine gewisse Kulturkenntnis des Landes. Ob die Sprache nun als Fremdsprache in Italien oder während eines Aufenthalts in Deutschland erlernt wurde, macht keinen großen Unterschied.

Wie wichtig sind internationale und multikulturelle Erfahrungen?

Francesco D’Aniello – Herbold Fischer Associates, Partner

Für bestimmte Positionen ist es von großem Vorteil, über bi- oder multikulturelle Erfahrungen zu verfügen. Es kann sich dabei um Erfahrungen handeln, die man durch das Aufwachsen in einem fremden Land, durch Eltern oder Familienangehörige unterschiedlicher Nationalitäten, aber auch durch ein Studium oder in einem multikulturellen Umfeld gesammelt hat.

Das EURES-Projekt für einen professionellen Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt

Die Gi Group wurde als global tätiges Unternehmen von der EU bevollmächtigt, das EURES-Projekt umzusetzen. Wir haben den Auftrag, jungen arbeitslosen Europäern zwischen 18 und 30 Jahren dabei zu helfen, eine Anstellung innerhalb Europas zu finden. Wir haben die Länder in zwei Kategorien unterteilt: Länder, aus denen die Kandidaten kommen sollten und Länder, in denen die Kandidaten eine Anstellung finden können. Wir haben dabei unsere gesamte Aufmerksamkeit auf Deutschland als aufnehmendes Land gerichtet.

Wir nehmen alle Anfragen von Kunden bzw. Unternehmen an, die auf der Suche nach neuen Talenten sind, ganz gleich für welche Ebene (wir limitieren unsere Suche nicht auf Project Manager oder Hemdenträger, wir suchen auch Blaumänner). Wir leiten die Anfragen dann an die entsprechenden Gi-Group-Ländergesellschaften weiter und bitten sie, uns potentielle Kandidaten zu übermitteln. Die Kandidaten begleiten wir dann während des gesamten Prozesses bis zum Bewerbungsgespräch in Deutschland.

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