Francesca Mazzocchi: „Wir nutzen das Internet, um das italienischen Handwerk besser zu vermarkten.“

Die Toskana liegt in Italien mit ihrer Anzahl an Handwerksunternehmen auf dem fünften Platz. Wie also diese 114.000 Handwerksunternehmen aufwerten? Welches Modell verfolgen, um sie nicht nur  in der Toskana, sondern auch im Ausland bekannt zu machen und besser zu vermarkten?

Genau diese Fragen haben wir  Francesca MazzocchiLeiterin vom toskanischen Fachverband  der Klein- und Mittelstandsunternehmen für Mode „CNA Federmoda Toscana“ sowie Referentin für Jungunternehmer, Frauenunternehmen und Hightech-Firmen, gestellt.

Zunächst haben wir mit ihr über die Vermarktung des Made in Italy gesprochen, dann über die Wiedergeburt des Handwerks und die Online-Kommunikation. Sie hat uns über die  Erfolge einiger kleiner italienischer Handwerksunternehmen und einer Kollektivmarke, der sogenannten Artigiano Contemporaneo (Handwerker der Gegenwart) berichtet, die die Handwerksunternehmen mit Hilfe der Verwendung moderner Sprache besser vermarktet.

Francesca Mazzocchi: „Wir müssen deutlich machen, dass wir gut sind und unsere Hersteller sowie unsere handwerksreiche Region (mit Hilfe des Webs) besser vermarkten.“

„Wir müssen die Menschen beeindrucken und dazu hochqualitative Hilfsmittel wie Videos und Fotos verwenden, die unsere Produkte, unsere Hersteller und die Region, aus der sie stammen, noch mehr aufwerten. Denn auch die Art und Weise, wie wir das Handwerk vermarkten, beeinflusst seine Zukunft.“

Francesca Mazzocchi_CNA Toscana

Für eine bessere Vermarktung im Ausland, so meint Francesca Mazzocchi,  ist es ganz entscheidend, alle vorhandenen Kommunikationskanäle und den Online-Verkauf zu nutzen.

„Das italienische Handwerk genießt weltweit großes Ansehen und Interesse,“ berichtet uns Francesca „darauf müssen wir aufbauen und eine neue Geschichte schreiben, eine Geschichte, die den enormen kulturellen, menschlichen und wirtschaftlichen Wert des Handwerks verdeutlicht.“

Francesca Mazzocchi, Jahrgang 1978, war einst in der Forschung am MIT tätig. Beim CNA Toscana ist sie für Innovationspolitik und moderne Medien zuständig. Sie kümmert sich um die Kommunikation des „RENA, Rete per l’eccellenza nazionale (Netzwerk nationale Exzellenz), schreibt für die Webkommune „Che Futuro!und gehört zum Team von „CNANeXT, Festival dell’Intelligenza Collettiva“ (Festival der kollektiven Intelligenz).

Folgendes berichtet uns Francesca während des Interviews.

Das Interview mit Francesca Mazzocchi

CNA Toscana: Worum handelt es sich? Was sind eure Ziele und in welchem Bereich seid ihr tätig?

CNA Toscana ist ein toskanischer Fachverband. CNA steht für „Confederazione Nazionale dell’Artigianato e della piccola media impresa“ (Nationaler Verband des Handwerks und der Klein-und Mittelstandsunternehmen). In der Toskana haben wir 45.000 Mitglieder1 regionalen Hauptsitz, 10 Geschäftsstellen in der Provinz und 200 in der gesamten Region. Wir haben über  1000 Mitarbeiter.

Unsere Hauptmission besteht darin, für die Handwerksunternehmen Lobbyismus und Interessenvertretung bei den regionalen öffentlichen Einrichtungen zu betreiben. Auf nationaler und provinzieller Ebene wird dies bei den jeweils zuständigen Einrichtungen (wie Regierung oder Kommunen und Provinzen) gemacht.

Das bedeutet also, dass wir die Besonderheiten und Bedürfnisse der Kleinunternehmen vertreten, die in Italien 98% der Textilproduktion ausmachen.

Können Sie uns einen Überblick über den (und ein paar Zahlen zum) toskanischen Handwerksektor geben?

In der Toskana sind in der Handwerksrolle 114.135 Firmen eingetragen (Stand 31.12.2012). Mit dieser Zahl liegt die Toskana, nach der Lombardei, der Emilia Romagna, dem Veneto und dem Piemont auf dem fünften Platz. In den letzten Jahren wurde aber ein Rückgang bei den eingetragenen Unternehmen verzeichnet (im Jahr 2012 -1,94%). Nur die Regionen Abruzzen, Basilikata und Sardinien wiesen eine noch schlechtere Performance auf.

Das toskanische Handwerk repräsentiert 13,8% des regionalen Mehrwertes.

Das italienische Handwerk im Ausland vermarkten (und verkaufen): Was ist dafür entscheidend?

Wir müssen auf das setzen, was wir sind, aber wir müssen lernen, es besser zu vermarkten. Das italienische Handwerk genießt weltweit großes Ansehen und Interesse. Wir haben nicht nur vereinzelte Produkte höchster Qualität zu bieten, sondern ein Kompetenzsystem, das in unserer Region angesiedelt ist. Mit Hilfe der modernen Sprache der Gegenwart müssen wir unsere lokalen Produktionen besser vermarkten und dazu alle vorhandenen Kommunikationskanäle sowie den Online-Verkauf nutzen.

Wir müssen die Menschen beeindrucken und dazu hochqualitative Hilfsmittel wie Videos und Fotos verwenden, die unsere Produkte, unsere Hersteller und die Region, aus der sie stammen, sowie unsere Handwerkskunst noch mehr aufwerten.

Eines eurer Projekte heißt „Artigiano Contemporaneo“ (Handwerker der Gegenwart). Worum handelt es sich genau?

„Artigiano Contemporaneo“ ist eine Kollektivmarke, an der sich aktuell circa 60 Handwerksbetriebe beteiligen. Ihren Ursprung fand sie in der Toskana, weitete sich aber schnell in ganz Italien aus.  

Das Projekt verwirklicht genau die Absichten, über die wir zuvor gesprochen haben: ein Webportal, alle Social-Media-Kanäle, ein Video, das über Gegenwärtigkeit berichtet, und die Möglichkeit, alle vertretenen Firmen zu kontaktieren. Die Marke präsentiert sich der Welt mit Hilfe des Webs und Fashion-Events, die im Rahmen der wichtigsten Modemessen in Italien stattfinden.

In näherer Zukunft sind weitere Investitionen im Bereichen Storytelling, Online-Werbung und Zusammenarbeit mit einem E-Commerce-Kanal für den Handwerkssektor geplant.

Derzeit erleben wir eine kontinuierliche Verarmung des Handwerks Made in Italy, das zunehmend von ausländischen Unternehmern aufgekauft wird. Unternehmer wie z.B. Rosso und Cucinelli meinen, dass der Gang an die Börse das Mittel gegen den ausländischen Kolonialismus und zur Rettung der italienischen Unternehmen sei. Wir dürfen nicht vergessen, dass 92% der italienischen Firmen nicht einmal Kleinunternehmen, sondern Mikrobetriebe mit gerade mal bis zu 9 Mitarbeitern sind. Es liegt auf der Hand, dass die Stärke in der Produktion und das Know-How dieser Firmen in einem derart strukturierten und kapitalorientierten Umfeld wie das der börsennotierten Unternehmen verloren gehen und sie hier keine Lösungen für ihre tatsächlichen Probleme finden. Die finden vielleicht die Klein- und Mittelstandsunternehmen, die sich von den kleinen Handwerksbetrieben „ernähren“.

Als allererstes brauchen wir den Staat auf unserer Seite, der den Markt reguliert aber nicht schikaniert, die Bürokratie vereinfacht und leichteren Zugang zu Krediten verschafft. Außerdem müssen die Produzenten ohne Zweifel einen kulturellen Sprung nach vorne machen, die Manager der Kleinunternehmen ihre Kompetenzen (in Bezug auf Eroberung neuer Märkte, Web, Verwendung moderner Sprache und Produktinnovationen) aufbessern. Des Weiteren benötigen wir eine neue Generation von Spezialisten des Handwerks, Hersteller oder Macher, die motiviert und bereit sind, zwei Missionen zu verfolgen: einerseits das Erlernen der traditionellen Produktionsmethoden unseres Landes, um diesem eine Zukunft zu garantieren, und andererseits Modernität, neue Technologien, neue Mittel und Methoden zur Eroberung anderer Märkte sowie das traditionelle Business.

Können Sie uns von einer Erfolgsgeschichte eines toskanischen Handwerksunternehmens im Ausland berichten, die Sie während ihrer Arbeit beim CNA miterlebt haben?

Es gibt unzählig viele Beispiele von kleinen Handwerksunternehmen, die sich erfolgreich auf einem internationalen Markt durchgesetzt haben, weil sie die kleine Marktlücke zwischen den großen Luxusmarken einerseits und den Low-Cost-Ketten andererseits genutzt haben.

Wie? Indem sie das perfekte Gleichgewicht zwischen der hohen Qualität des von Hand Gefertigten, der Berücksichtigung eines modernen Stils und der Nutzung traditioneller (Vertriebsnetz, Handelsvertreter, Messen) und moderner Strukturen (Web, Kommunikation, E-Commerce) der Märkte geschaffen haben. Beispiele sind Angela Caputi, Luxusschmuckdesignerin mit Unternehmenssitzen in New York, Paris, Florenz und Forte dei Marmi, und Saskiadie von ihrem florentinischen Laden aus maßgeschneiderte Qualitätsschuhe herstellt und damit 95% Umsatz im Ausland erzielt. Oder die Jungunternehmer Super Duper Hats, deren Stärke in der Online-Kommunikation liegt. Auf ihrer Webseite kann man seinen Hut individuell gestalten, sie verkaufen nur auf Bestellung und online. Sie sind außerdem eine der wenigen neuen Marken, die  auf dem Portal „Luisa Via Roma“ (60 Millionen Euro Umsatz durch E-Commerce) vertreten sind. Nicht zu vergessen Landi Confezioni, ein traditioneller Jacken- und Mantelhersteller aus der Nähe von Empoli mit 8 Geschäften und eigenen Handelsvertretern in den USA, Russland, China, Japan und Europa.

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