Architektonische Barrieren: Wir stellen eine soziale Genossenschaft vor, die Beratung für öffentliche und private Einrichtungen anbietet

Independent L

Im November 1997 beschlossen neun körperbehinderte Menschen, die soziale Genossenschaft independet L. zu gründen.

Ziel der Genossenschaft war es, alles daran zu setzen, alle vorhandenen diskriminierenden Barrieren abzuschaffen und das Recht von behinderten Menschen auf ein selbstbestimmtes Leben zu gewährleisten. Heute, nach 16 Jahren, bietet die Südtiroler Genossenschaft privaten und öffentlichen Einrichtungen eine ganze Reihe von Dienstleistungen an, die von der Betreuung und Beratung, über die Überwachung von architektonischen Barrieren bis hin zur Aus- und Weiterbildung sowie der Verwaltung eines Webcenters reichen.

„Wie wir uns finanzieren?  Durch die Zuschüsse der öffentlichen Einrichtungen, die Abkommen  mit ihnen für die Erbringung bestimmter Dienstleistungen und  die Direktaufträge von ihnen als auch von privaten Einrichtungen.“

Im Rahmen unserer Beobachtung des sozialverantwortlichen Unternehmens  haben wir heute Enzo Dellantonio, den Leiter von independent L., interviewt.

Dellantonio hat uns darüber berichtet, wie eine soziale Genossenschaft unter Einhaltung der Prinzipien eines sozialen Unternehmens wachsen und öffentlichen sowie privaten Einrichtungen ihre Dienstleistungen anbieten kann: Arbeiten im Sinne der Interessen aller.

Nähere Informationen über die Genossenschaft independent L. gibt es auf  ihrer Webseite und bei  YouTube.

 

Wer seid ihr und was ist eure Mission (euer Hauptziel)?

independent L. ist eine soziale Genossenschaft, die im November 1997 von neun körperbehinderten Menschen –alle im Rollstuhl sitzend- ins Leben gerufen wurde.

Ziel der Gründer ist es, sich für die Abschaffung aller diskriminierenden Normen und Barrieren einzusetzen und so das Recht von Behinderten auf eine gleichwertige Behandlung und vor allem ein selbstbestimmtes Leben, in dem sie vollkommen autonom die kleinen und großen Entscheidungen des Alltags treffen können, zu gewährleisten.

Mit Hilfe der Aktivitäten der Genossenschaft versucht independent L., die soziale Eingliederung oder Wiedereingliederung von körperbehinderten Menschen in allen Bereichen des täglichen Lebens wie Arbeitsplatz, Familie und Schule zu fördern.

Kurz gesagt, die Mission besteht darin:

  • das independent living zu fördern,
  • Menschen mit Behinderung Anreize und Motivation für ein selbstbestimmtes Leben zu geben
  • Hilfsmittel zu entwickeln, die für das Erreichen der Unabhängigkeit und der sozialen Integration von Nutzen sind
  • behinderten Menschen mit Hilfe des angeeigneten Wissens, der zur Verfügung stehenden Technologien, mit Professionalität und des gesammelten Know-Hows Beratungs- und Informationsdienste anzubieten,   und zwar stets im Interesse der Genossenschaft und unter Berücksichtigung des Rechts jeder einzelnen Person.

Mit welchen Strategien versucht ihr eure Mission umzusetzen?

Die Genossenschaft bietet verschiedene Dienstleistungen an, die alle die oben genannten Ziele verfolgen:

Soziale Beratung und Unterstützung von Behinderten und ihren Angehörigen

  • Bedarfsanalysen und Unterstützung bei organisatorischen Anliegen, auch Hausbesuche;
  • Beratung in rechtlichen Fragen;
  • Informationen über Rechte, Begünstigungen und Ermäßigungen;
  • Erarbeitung von Einzelprojekten zur sozialen und beruflichen Wiedereingliederung, in enger Zusammenarbeit mit unseren Kunden;
  • Information über und Organisation von Umschulungs- und Ausbildungsprogrammen, sowie Fortbildungskursen, die auf eine berufliche Integration abzielen;
  • Organisation von sportlichen Aktivitäten;
  • Newsletter und Webseite www.independent.it
  • Fachspezifische Bibliothek
  • Peer Counseling, Beratung von Betroffenen für Betroffene

Psychologische Betreuung von behinderten Menschen und ihren Angehörigen

Betreuung in der posttraumatischen Phase und bei den durch die neue Lebenssituation entstandenen Schwierigkeiten, nicht nur der betroffenen Person, sondern auch ihrer Angehörigen (kostenpflichtige Dienstleistung).

Beratung bei der Verwendung von technischen Hilfsmitteln

Sowohl für behinderte Menschen, denen die Nutzung technischer Hilfsmittel zu mehr Autonomie verhilft, als auch für im Medizin-, Bildungs- oder Sozialsektor Tätige.

Im Sitz der Sozialen Genossenschaft independent L. gibt es eine Dauerausstellung für technische, speziell elektronisch gesteuerte Hilfsmittel.

Beratung zum Thema „Überwindung und Abbau von baulichen Barrieren“

Bedarfsanalysen vor Ort mit Beratung in Bezug auf Abbau der Barrieren, Verwendung von Hilfsmitteln zur Überwindung von Barrieren, Finanzierung.

Weitere (kostenpflichtige) Dienstleistungen: Technische Zeichnungen unter Berücksichtigung der in der Provinz geltenden Verordnungen, Kostenvoranschlag, Vorortanalyse mit einem Fachteam, Hilfestellung bei finanziellen Angelegenheiten (Zusammentragen, Kontrolle und Einreichen der benötigten Unterlagen beim beauftragten Bauunternehmen).

Feststellung und Überwachung von architektonischen Barrieren für die Gemeinden der Provinz Bozen

Ein 2002 in Kraft getretenes Gesetz der Provinz Bozen fordert, dass alle Gemeinden der Provinz jegliche bauliche Hindernisse abschaffen müssen.

Um die Feststellung und Überwachung von baulichen Hindernissen kümmert sich bei independent L. ein spezielles Technikteam.

Aus- und Weiterbildung

Die Genossenschaft independent L. bietet verschiedene Aus- und Weiterbildungskurse zur Förderung der beruflichen Wiedereingliederung von körperbehinderten Menschen und der finanziellen Unabhängigkeit an, wie z.B. die durch den Europäischen Sozialfond (ESF) geförderten Arbeitsintegrationskurse oder den Europäischen Computerführerschein ECDL.

Analysen, Studien und Recherchen

Seit Jahren beschäftigt sich die Genossenschaft mit Studien über die Bedürfnisse behinderter Menschen, um so die Lebensqualität dieser Menschen zu verbessern und neue wichtige Projekte im sozialen und medizinischen Bereich zu initiieren.

Webcenter

Das Webcenter (www.webcenter.bz.it) entstand innerhalb der sozialen Genossenschaft independent L., um Menschen mit körperlichen Behinderungen die Möglichkeit zu geben, in einem neuen Berufsumfeld ihre Fähigkeiten zu entfalten. Es wird von hochqualifizierten Fachkräften geleitet, die auf die Bereiche Entwicklung, Webdesign und Marketing spezialisiert sind. Sie betreuen Private und Vereine, die Informationen der Allgemeinheit zugänglich machen möchten oder kleinere Unternehmen, die mit einem Onlineshop einen neuen Absatzzweig schaffen wollen. Der Service umfasst die Beratung im Vorfeld, die Konzeption, das Projektmanagement, Servermanagement & Webhosting, Webdesign, die Wartung im System, die Entwicklung von Online Shops, die Entwicklung von personalisierten Anwendungen, die Pflege und Instandhaltung von Webseiten sowie die Überprüfung und Überarbeitung von Webseiten bezüglich Zugänglichkeit.

Südtirol für Alle

„Südtirol für Alle“ ist ein offizielles Tourismusportal und Informationsschalter für den barrierefreien Tourismus im Ferienland Südtirol. Barrierefreier Tourismus beinhaltet alle Maßnahmen, die dazu beitragen, dass Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen, wie Menschen mit Behinderungen, Menschen im Rollstuhl, ältere Menschen, aber auch beispielsweise Familien mit kleinen Kindern, selbständig und selbstbestimmt reisen und touristische Angebote eines Landes ohne Einschränkungen nutzen können. Tourismus ohne Barrieren bedeutet also Tourismus für alle.Neben barrierefreien Unterkünften in der Region Südtirol findet man auf dem Tourismusportal http://www.suedtirolfueralle.it auch wunderschöne Fotos, umfangreiche Informationen über die Zugänglichkeit von Sehenswürdigkeiten und Museen in Südtirol sowie Sport- und Freizeitangebote.

Wie finanziert ihr euch?

Wir haben verschiedene Bezugsquellen:

  • Zuschüsse von öffentlichen Einrichtungen
  • Abkommen mit öffentlichen Einrichtungen über die Erbringung bestimmter Dienstleistungen
  • Direktaufträge von öffentlichen und privaten Einrichtungen

Welche Rechtsform habt ihr für euch gewählt und weshalb?

Die Genossenschaft orientiert sich seit ihrer Gründung an den Prinzipien der Solidarität und der Gegenseitigkeit und ist ein Bezugspunkt für alle Menschen mit  körperlicher Behinderung, auch sehr schwerer Behinderung, in der Provinz Bozen.

Aufgrund der Philosophie und Werte, die wir verfolgen, haben wir uns für die Rechtsform „Genossenschaft“ entschieden, also einen gemeinnützigen Verein, der die Interessen der Allgemeinheit vertritt und das soziale Wohlbefinden aller anstrebt.

Wie würdet ihr eure Governancestrukturen charakterisieren?

Mit Hilfe modernster wissenschaftlicher Anschaffungen versuchen wir, unsere Genossenschaft stets kohärent und qualitativ zu verwalten und so effiziente Dienstleistungen zu gewährleisten, die zum Wohlbefinden unserer Kunden beitragen.

Wir arbeiten nach dem „Einzel-Vorgang-Prinzip“, das uns ermöglicht, jeden Arbeitsschritt auf das Erzielen des geplanten Ergebnis auszurichten. So können wir unsere Aktivitäten genau planen, kontrollieren, korrigieren und verbessern. Unsere Struktur ist also in Bereiche gegliedert, für jeden Bereich wird ein Projektverantwortlicher bestimmt, es gibt wöchentliche Besprechungen, ein Verwaltungssystem für die einzelnen Prozesse wird entwickelt, bestimmte Vorgehensweisen und Kommunikationswege werden festgelegt und bestimmte Faktoren (Ressourcen, Methoden und Materialien) identifiziert, die zur Verbesserung der angebotenen Dienstleistungen beitragen können.

Zukunftsaussichten: Wo seht ihr euch selbst in 3- 5 Jahren?

Die Genossenschaft wird auch in Zukunft die oben aufgeführten Dienstleistungen anbieten. Unser Ziel ist es, auf lange Sicht unsere Position als Bezugspunkt und Kompetenzzentrum, das sich für ein selbstbestimmtes Leben und die soziale Integration von behinderten Menschen einsetzt, in der gesamten Provinz zu stärken.

Weitere Ziele für die kommenden Jahre sind:

  • Sensibilisierung der Bevölkerung bei der Verwendung informatischer (Verbesserung des Tourismusportals „Südtirol für Alle“) und gedruckter Hilfsmittel (Entwicklung eines Führers zum Thema „Barrierefreier Zugang“ wie z.B. der bald veröffentlichte Guide „Kulturerlebnis für Alle“)
  • Verstärkste Rechercheaktivitäten über die Bedürfnisse von Behinderten(wie z.B. der bald stattfindende internationale Kongress zum Thema Sport und Behinderung)
  • Intensivierung der Netzwerktätigkeit mit anderen Einrichtungen aus der Provinz und auch national/europaweit
  • Umsetzung von Wohnprojekten, durch die behinderten Menschen ein selbstbestimmtes Leben garantiert wird

Was ist eure Definition von sozialen Unternehmen? Würdet ihr euch selbst als solches definieren?

Das italienisches Gesetz Nr. 118/2005 definiert ein soziales Unternehmen als eine gemeinnützige private Organisation, deren wirtschaftliche Aktivitäten in erster Linie sozialen Nutzen bringen und der Allgemeinheit dienen.

Die soziale Genossenschaft independent L. ist in jeder Hinsicht ein soziales Unternehmen, da sie sich konkret für die Umsetzung des Rechts auf ein selbstbestimmtes und barrierefreies Leben von behinderten Menschen einsetzt.

Unsere Aktivitäten sind stets auf die Bedürfnissen des Kunden, seiner Angehörigen, der im Medizin-, Sozial- und Bildungssektor Tätigen sowie der Allgemeinheit ausgerichtet. Wir verlieren unsere Mission und unsere gewählte Rechtsform niemals aus den Augen. Das verdeutlicht unser Angebot an sozialen Dienstleitungen.

Technisch

  • Name der Organisation: Soziale Genossenschaft „independent L.“
  • Adresse: Via Laurin 6/A – 38012 Meran -Italien
  • Webseite: http://www.independent.coop/
  • Name des Ansprechpartners: Enzo Dellantonio

Fotoquelle:  Independent L.

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