“Soziale Unternehmen müssen sich untereinander verbinden und Partnerschaften mit anderen Organisationen eingehen”. Interview mit Günther Lorenz


Impresa Sociale

“Sozialunternehmer sind nicht allein. Die sozial-solidarische Ökonomie existiert weltweit. Sie ist überall, wo wir sind, oft – ohne das wir es wissen – in unmittelbarer Nachbarschaft”

Günther Lorenz beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit dem Thema Sozialunternehmen und Solidarische Ökonomie. Im Moment forscht er für das Technologie-Netzwerk, dem deutschen Partner unserer Rubrik “Beobachtung des sozialverantwortlichen Unternehmens“.

Die Sozialunternehmen müssen sich zunächst als solche verstehen, sich untereinander verbinden und verbünden und Partnerschaften mit anderen Organisationen eingehen, um ihre Ziele wirkungsvoll zu erreichen.

Nach Einschätzung von Günther Lorenz gibt es hierzu keine Alternative: die Sozialunternehmen müssen sichtbar werden, besser kommunizieren.  Im übrigen handelt es sich um einen zukunftsträchtigen Sektor, das “wissen alle, die sich damit befasst haben”.

Sozialunternehmen: Deutschland und Italien im Vergleich

Dank seiner langjährigen Erfahrung zum Thema Sozialunternehmen haben wir Günther Lorenz um einen Vergleich von sozialen Unternehmen in Deutschland und Italien gebeten.

Zwischen sozialen Unternehmen in Italien und Deutschland gibt es Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten.

Auch wenn also die Ausgangspositionen ganz unterschiedlich sind, so sind die Charakteristika der sozialen Unternehmen in beiden Ländern sehr ähnlich: zivilgesellschaftliche, kollektive Gründungen von Unternehmen mit sozialen und nachhaltigen Zielsetzungen, im Eigentum der Bürger.

Das Sozialunternehmen und die Solidarische Ökonomie aus Sicht von Günther Lorenz

Durch Ihre über 30- jährige Arbeits- und Forschungstätigkeit zum Thema „Soziale Unternehmen“ und lokale solidarische Ökonomie kennen Sie sowohl den italienischen als auch den deutschen Kontext sehr gut. Könnten Sie Ihre Erkenntnisse kurz für uns zusammenfassen? Vor welchen Chancen und Herausforderungen stehen soziale Unternehmen jeweils?

Zwischen sozialen Unternehmen in Italien und Deutschland gibt es Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten.

In Italien sind – was die Rechtsform betrifft – soziale Kooperativen vom Typ A oder B (noch) vorherrschend, in Deutschland sind es eher die Vereine. In Italien stellen die Integrationsfirmen in punkto Beschäftigung eine Mehrheit, in Deutschland (noch) die Beschäftigungsgesellschaften.

Ausgangspunkt in Italien sind oft christliche, diakonische Motive, da in Südeuropa Familie und Kirche starke Motivationsgeber sind. In Deutschland hingegen sind diese Strukturen mit dem Sozialstaatsgedanken erodiert.

So unterschiedlich die Ausgangspositionen sind, so identisch sind die Charakteristika: zivilgesellschaftliche, kollektive Gründungen von Unternehmen aus sozialen Motiven heraus für soziale Zielsetzungen, im Eigentum der Bürger.

Nachhaltige lokale Entwicklung- oftmals auch im Zusammenhang mit Umweltfragen oder sozialem Tourismus- werden in dem Buch „Le imprese sociali“ von Carlo Borzaga und Luca Fazzi als zukunftsträchtige Sektoren für soziale Unternhemen in Italien angegeben. (Was) kann Italien aus den deutschen Erfahrungen in diesem Bereich lernen?

Dass nachhaltige lokale Entwicklung zukunftsträchtig ist, wissen alle, die sich damit befasst haben. Ich weiß nicht genau, was wir da genau voneinander lernen können. Ich kenne eine Reihe italienischer Initiativen gerade auch der jüngeren Generation, die auf diese Zielsetzungen viel Wert legen.

Was den regionalen, sanften Tourismus betrifft, haben deutsche Initiativen auch viel von österreichischen und Süd-Tiroler Initiativen gelernt. Renate Goergen / LeMat versucht, italienische (soziale Integration) und deutsche Initiativen (regionaler Tourismus) mit ihrem Social Franchising zu amalgieren.

Kennen Sie noch weitere interessante Modelle zu nachhaltiger lokaler Entwicklung auf europäischer oder gar internationaler Ebene?

Es gibt eine Reihe solcher Initiativen weltweit; hierzu unsere Veröffentlichungen zum Kongress Solidarische Ökonomie in Berlin 2006 und das CEST-Curriculum (CEST Transfer).

Wir kennen Beispiele aus Russland, Indien, Venezuela, Südafrika u.a. Es ist hier unmöglich, die unglaubliche Vielfalt und Reichweite hier nur anzudeuten. Es ist aber zu festzuhalten, dass in einigen Regionen der Welt (s. auch Mondragon) dieser Sektor das Rückgrat der Wirtschaft darstellt.

Was sind lokale Partnerschaften und was können Sie über die Forschungsarbeit von Technologie-Netwerk in diesem Bereich berichten?

Viele solcher Initiativen zu basieren auf lokalen Partnerschaften zwischen Organisationen des privaten, öffentlichen und gemeinnützigen Wirtschaftssektors wie z.B. die Vereine für eigenständige Regionalentwicklung oder das Vorzeigeprojekt Ökospeicher Wulkow.

Diese Partnerschaften (wie auch die Lokalen Agenda 21-AGs) basieren auf einer gemeinsam erarbeiteten Agenda und einem Arbeitsprogramm, das lokale Probleme multisektoral und multidimensional angeht und ggf. vertraglich vereinbart. Diese Partnerschaften können darüber hinaus den Dritten Sektor bzw. die Soziale Ökonomie stärken, da soziale Unternehmen immer auch auf Geschäftsbeziehungen und ein sie umgebendes förderndes Milieu angewiesen sind.

Unsere Langzeit-Studien für die Europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen (Dublin / Brüssel) und die Hans-Böckler-Stiftung wie auch die parallel angelegten europäischen Studien belegen dies.

Manch einer behauptet, dass soziale Unternehmen in „Krisenzeiten“ wie dieser eine Alternative für die Zukunft sein könnten. Wie stehen Sie zu derartigen Aussagen?

Soziale Unternehmen sind historisch aus den Motiven heraus entstanden, ökonomische Alternativen zu Armut, Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung sowie Umweltzerstörung zu realisieren. Sie sind also ‘per Definition’ eine Antwort auf die Krise. Ich wüsste auch keine andere produktive Reaktion als die ökonomische der Sozialwirtschaft – einer Wirtschaftsweise, die wieder beginnt, Ressourcen auf rationale Weise für unterdeckte Bedürfnisse einzusetzen.

Sicher ist, dass weder eine reine Umverteilung (so sie gelingt), noch der private, noch der öffentliche Sektor einen wirkungsvollen Beitrag zur umfassenden ökonomischen, sozialen und Umweltkrise leisten können. Das zeigt die Erfahrung, lässt sich aber auch ökonomisch begründen. Detailliertere Informatioen dazu können meiner Doktorarbeit entnommen werden, ich möchte jedoch auch die Lektüre von Karl William Kapp empfehlen.

Was möchten Sie all jenen Menschen mit auf den Weg geben, die bereits SozialunternehmerInnen sind oder es werden wollen?

Das Wissen, dass sie nicht allein sind. Die sozial-solidarische Ökonomie existiert weltweit. Sie ist überall, wo wir sind, oft – ohne dass wir es wissen – in unmittelbarer Nachbarschaft. Sie muss sich sichtbar machen. Soziale Unternehmen müssen sich zunächst als solche verstehen, sich untereinander verbinden und verbünden und Partnerschaften mit anderen Organisationen eingehen, um ihre Ziele wirkungsvoll zu erreichen. Hierzu gibt es m.E. keine Alternative!

Foto anlässlich der 10. Ausgabe von WIS – Workshop zum Thema Sozialunternehmen.

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