Wie ein soziales Unternehmen trotz Kürzungen innovativ arbeitet – ein Interview mit Anette Schill

Es findet eine Art „Querfinanzierung” der Angebote – von „ertragsreich zu -arm” statt, was nicht immer konfliktfrei erfolgt und eine besondere Herausforderung für die Zukunft darstellen wird.

Die Regenbogenfabrik ist ein Kulturzentrum in Berlin-Kreuzberg, das kurz nach dem Fall der Mauer entstanden ist. Die Entscheidungs- und Führungsstruktur ist demokratisch, es wird nach dem Grundsatz „Selbständiges Arbeiten und Entscheiden“ auf der Basis von gemeinsamen Prinzipien und Regeln gearbeitet. „Im Laufe unserer 31jährigen Geschichte blieben letztere zwar unverändert, haben aber immer wieder neue strukturelle Ausprägungen erfahren“.

Wir haben Anette Schill gebeten, uns die Unternehmensstruktur der Regenbogenfabrik zu erläutern, die ja ganz unterschiedliche Angebote (vom Kindergarten bis zum Restaurant) anbietet und somit eine, in den kommenden Jahren zunehmend umfassendere Verwaltung mit sich bringt:

Im Januar 2012 wurden das Hostel und die Kantine als Wirtschaftsbereich ausgelagert und werden nun jeweils als Unternehmergesellschaft (Regenbogen-UG) betrieben, da der diesbezügliche bisherige gemeinnützige Beschäftigungsbereich aus genannten Gründen nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte.

Die Herausforderungen: Wettbewerbsfähig bleiben in Bezug auf die Angebote, innovativ im Bereich der Verwaltung und demokratisch, wenn es um die langjährige Frage der Verteilung der Mittel geht:

„In diesem Zusammenhang geht es nicht um „non-profit“ sondern um „not-for-private-profit“, d.h. die Vergesellschaftung des Profites innerhalb des Projektes.“

Zum Schluss haben wir Anette gefragt, ob sie die Regenbogenfabrik als „soziales Unternehmen” definieren würde. Ihre Antwort darauf stellt sich als äußert interessant dar. [Sollte die Antwort nicht auf Ihr Interesse stoßen, bitte direkt zum Ende des Artikels wechseln].

Wer seid ihr und was ist eure Mission (euer Hauptziel)?

Die Regenbogenfabrik ist ein Kinder-, Kultur- und Nachbarschaftszentrum in Berlin-Kreuzberg. Wir verstehen uns als sozio-kulturelles Projekt für unseren Bezirk und darüber hinaus. Besonders wichtig ist uns ein solidarisches Miteinander von unterschiedlichen Menschen und Ideen, was sich u.a. in der breiten Palette unserer Angebote wiederspiegelt.

Diese Vielfalt zeigt sich auch in der Zusammensetzung unserer BesucherInnen und MitarbeiterInnen, die alle ihren Platz im Projekt finden können und sollen. Dies geschieht im Rahmen von kollektiven Strukturen, in dem jede Arbeit – unabhängig von Tätigkeit und Ausbildung – gleich viel wert ist und entsprechend entlohnt wird. Ziel ist es, je nach individuellen Fähigkeiten sowie Möglichkeiten und Erfordernissen im Projekt, sinnvolle, selbstbestimmte Arbeitsplätze zu schaffen, in denen sich Jede/r selbst verwirklichen kann und gleichzeitig zur Idee und Qualität des Gesamtprojektes beiträgt.

Mit welchen Strategien versucht ihr eure Mission umzusetzen?

Die Umsetzung unserer Ziele erfolgt im gemeinsamen Tun: Dies geschieht auf der Grundlage von verabredeten Grundsätzen und Regeln, wie Gleichwertigkeit der Arbeit, das Prinzip der Selbstverwaltung und eine basisdemokratische Entscheidungskultur. Im Laufe unserer 31jährigen Geschichte blieben diese zwar unverändert, haben aber immer wieder neue strukturelle Ausprägungen erfahren.

Bezogen auf das Thema Arbeit haben wir als Selbsthilfeprojekt begonnen, d.h. es wurde (fast) nur ehrenamtlich gearbeitet. Die wachsenden Anforderungen  erforderten weitere Professionalisierungen, so dass immer mehr “bezahlte Stellen”, vor allem im Rahmen von staatlich geförderten Beschäftigungsmaßnahmen, geschaffen wurden.

Inzwischen versuchen wir nach massiven Kürzungen in diesem Bereich und schwierigen Rahmen-bedingungen, die immer weniger mit unseren Prinzipien zu vereinbaren waren, vorwiegend mit der Umsetzung von Angeboten im Rahmen einer “Solidarischen Ökonomie” unsere Ziele und damit auch langfristige, sinnvolle Arbeitsplätze zu verwirklichen und zu sichern.

Wie finanziert ihr euch?

Nach den genannten massiven Mittelkürzungen wird nur noch die Kindertagesstätte öffentlich   gefördert. Hinzu kommen ein relativ geringer Anteil an Geldspenden sowie die Unterstützung durch  ehrenamtliche Arbeit und fachliche Begleitung. Alle MitarbeiterInnen arbeiten zu geringen Löhnen und erbringen ehrenamtliche Überstunden. Weiterhin wird das Projekt vor allem durch die Aktivitäten im Gästebereich (überwiegend des Hostels) finanziert bzw. findet    eine Art “Querfinanzierung”der Angebote – von “ertragsreich zu -arm” – statt, was nicht immer konfliktfrei erfolgt und eine besondere Herausforderung für die Zukunft darstellen wird.

Welche Rechtsform habt ihr für euch gewählt und weshalb?

Wir haben unsere Aktivitäten und Angebote bislang fast ausschließlich als gemeinnütziger Verein durchgeführt, wobei in den letzten 10 – 15 Jahren zur Umsetzung von Beschäftigungs-maßnahmen ein gemeinnütziger Zweckbetrieb installiert  wurde. Januar 2012 wurden das Hostel und die Kantine als Wirtschaftsbereich ausgelagert und werden nun jeweils als Unternehmergesellschaft (Regenbogen-UG) betrieben, da der diesbezgliche bisherige gemeinnützige Beschäftigungsbereich aus genannten Gründen nicht mehr aufrecht erhalten werden konnten.

Für 2013 ist die Gründung einer Regenbogen-Genossenschaft geplant, um das Projekt und seinen Wirtschaftsbereich, entsprechend der Prinzipien der Regenbogenfabrik, weiter entwickeln zu können.

Wie würdet ihr eure Governancestrukturen charakterisieren?

Unsere Entscheidungs- und Führungsstruktur ist basisdemokratisch: Jedes Mitglied hat des gleiche Mitspracherecht, entschieden wird nach dem “Konsensprinzip”, d.h. es gibt keine Mehrheitsentscheidungen, vielmehr wird so lange diskutiert, bis eine gemeinsame Basis gefunden ist. Dies bedeutet zwar auch ständige Kompromisse, ist aber letztendlich tragfähiger.

Umgesetzt wird dies im Zusammenspiel der “fachbezogenen” Projektuntergruppen (Hostel, Baugruppe, Fahrradwerkstatt etc.), die autonom arbeiten und entscheiden, aber Teil des Gesamtprojektes und den gemeinsamen Prinzipien und Regeln verpflichtet sind.

Alle vier Wochen treffen diese sich im “Plenum”, dem obersten Beschlussorgan des Projektes, um die aktuellen Belange der Gruppen und des Gesamtprojektes zu besprechen. In Ergänzung dazu findet, ebenfalls (versetzt) alle vier Wochen, zur Realisierung der konkreten Arbeitsabläufe die “Geschäftsführungs-AG” statt, in der alle Guppen vertreten sind. Die daraus folgenden Aufgaben werden u.a. von  der “Büro-Gruppe” umgesetzt, die hierfür auch Impulse und Informationen in die jeweiligen Gremien gibt.

Zukunftsaussichten: wo seht ihr euch selbst in 3- 5 Jahren?

Schwer zu sagen: Auf der einen Seite glauben wir nach wie vor an unsere Projektidee und daran, dass wir auch zukünftig eine Perspektive haben bzw.  mit unseren Angeboten BesucherInnen erfolgreich ansprechen können. Andererseits ist der wirtschaftliche Druck immens, zumal wir   Gelände und Gebäude der Regenbogenfabrik seit diesem Jahr mit ca. 1.300 qm Nutzfläche und  900 qm Freifläche (eigentümerähnlich) in Erbpacht und damit u.a.den gesamten baulichen Unterhalt übernommen haben. Zudem wird es immer schwieriger, unter diesem Druck in kollektiven Strukturen zu arbeiten, so dass interne Konflikte zunehmen und positive Projekt-entwicklungen  erschweren. Dennoch glauben wir an eine Zukunft für die nächsten Jahre auf der Basis unserer Grundprinzipien, gehen aber auch davon aus, dass hierfür etliche Umstrukturierungsprozesse (z.B. Im Hinblick auf mehr Effizienz in der Arbeitsorganisation) erforderlich sein werden.

Was ist eure Definition von sozialen Unternehmen? Würdet ihr euch selbst als solches definieren?

Wir sehen uns nicht nur als “soziales Unternehmen” sondern vielmehr als Unternehmen der “Solidarischen Ökonomie”: Der Begriff “soziales Unternehmen” ist für uns allgemeiner und   unspezifischer, da wir davon ausgehen, dass “sozial” sich hier vor allem auf die Tätigkeit und Zielgruppen bezieht (wie etwa bei caritative Organisationen). „Solidarische Ökonomie“ beinhaltet mehr, indem es darum geht, wie  Produkte hergestellt und verkauft werden (solidarische Arbeitsbedingungen), was angeboten wird (gemeinsame Entscheidung über „sinnvolle Produkte“) und vor allem wie der gemeinsam erwirtschaftete Gewinn verteilt wird. In diesem Zusammenhang geht es nicht um „non-profit“ sondern um „not-for-private-profit“, d.h. die Vergesellschaftung des Profites innerhalb des Projektes. Dies versuchen wir in der Regenbogenfabrik so weit wie möglich umzusetzen.

Technisch

  • Name der Organisation: Regenbogenfabrik Block 109 e.V.
  • Adresse: Lausitzer Str. 22, 10999 Berlin
  • www.regenbogenfabrik.de

Lascia un commento