Soziale Unternehmen in Italien: die wichtigsten Zahlen eines wachsenden Sektors

Auf Basis der jüngsten Studie des Forschungsnetzwerks IRIS NETWORK, welche im September dieses Jahres auf dem alljährlich in Riva del Garda stattfindenen „Workshop zu sozialen Unternehmen“ vorgestellt wurde, wurde die Bedeutung sozialer Unternehmen im italienischen Kontext erneut bestätigt.

Aus der Studie geht hervor, dass die Anzahl sowohl sozialer Unternehmen (um 53%) selbst, als auch die Anzahl der dort Beschäftigten im Zeitraum von 2003 bis 2008 zugenommen haben (Venturi, Zandonai 2012, S.13).

Obwohl neueste Trends noch nicht systematisch statistisch erhoben werden konnten, sind in Bezug auf die Entwicklungstrends sozialer Unternehmen seit 2008 allerdings negative Einflüsse anzunehmen, welche eng mit der Wirtschaftskrise und ihrer Handhabung von Seiten der Politik und der öffentlichen Verwaltung – beispielwiese durch die Kürzung öffentlicher Beiträge im Sozialen – zusammenhängt. Die Fähigkeit, konstruktiv auf die mit der sozioökonomischen Krise verbundenen Veränderungen im jeweiligen Kontext zu reagieren, war daher eines der wichtigsten Themen, welche im Rahmen des Workshops in Riva del Garda behandelt wurden. (vgl. Venturi, Zandonai 2012, S.20-23).

Soziale Unternhemen in Italien – die Zahlen

Laut Daten einer Erhebung der europäischen Stiftung für Freiwillige aus dem Jahr 2006 (FIVOL- Fondazione Italiana per il volonatriato) und auf Basis der Daten von der nationalen Statistikagentur ISTAT aus dem Jahr 2007 umfasst der dritte Sektor in Italien geschätzte 15.000- 20.000 Einheiten. Dabei werden ausschließlich jene Organisationen gezählt, welche beim italienischen Handelsregister eingetragen sind und unabhängig von zusätzlichen Kriterien den allgemeinen rechtlichen Rahmenlinien entsprechen, wodurch einige Kategorien sozialer Unternehmen bei der Erhebung nicht erfasst werden konnten (vgl. Borzaga, Fazzi 2008, S.23).

Der Großteil der in der Studie erfassten sozialen Unternehmen sind so genannte „cooperative sociali“ (11.808). Die Anzahl der als „Soziale Unternehmen“ eingetragenen Organisationen hingegen ist mit einer Gesamtanzahl von 365 Unternehmenseinheiten noch relativ beschränkt (vgl. Venturi, Zandonai 2012, S.29).

Auf Basis der Ergebnisse einer Erhebung von Excelsior ist anzunehmen, dass derzeit rund 387.000 Personen im dritten Sektor beschäftigt sind.

Rechtliche Rahmenbedingungen

Am 24. März 2006 wurde vom italienischen Parlament das Gesetzesdekret Nr. 155 zu sozialen Unternehmen verabschiedet (das letzte Ministerialdekret diesbezüglich wurde im Jahr 2010 verabschiedet). Seither ist es in Italien möglich, sich im italienischen Handelsregister als soziales Unternehmen zu registrieren. Es handelt sich dabei allerdings nicht um eine Rechtsform, sondern um eine Qualifizierung auf Basis der im Gesetz 155/06 bestimmten Kriterien.

Laut Art. 1 des Gesetzesdekrets kann die Qualifizierung als soziales Unternehmen grundsätzlich von allen im fünften Buch des Zivilgesetzbuchs festgelegten Organisationen angenommen werden. Soziale Unternehmen können in Italien somit die Rechtsformen der Personengesellschaft, der Kapitalgesellschaft, der Genossenschaft, ebenso wie jene des Vereins und der Stiftung annehmen, wenn sie bestimmte Kriterien erfüllen, wie z.B.: (vgl. Borzaga, Fazzi 2008).

  • es darf keine Profitverteilung an Organisationsinterne stattfinden;
  • die wirtschaftlichen Aktivitäten der Organisation dürfen nicht ausschließlich an Organistationsinterne gerichtet sein;
  • es müssen partizipative governance– Strukturen gewährleistet werden, bei welchen auch MitarbeiterInnen und NutzerInnen einbezogen werden;
  • zusätzlich zu der für alle Unternehmen verpflichtenden Veröffentlichung der wirtschaftlichen Bilanz, muss auch die Sozialbilanz ausgearbeitet werden.

Derzeit ist die Anzahl der Unternehmen, welche diese Qualifizierung angenommen haben eher gering und umfasst 365 Organisationen (vgl. Venturi, Zandonai 2012, S.18).

In welchen Sektoren sind soziale Unternehmen in Italien tätig?

Im Gesetz 155/06 werden die Arbeitsfelder sozialer Unternehmen genau definiert: sie umfassen allgemein zusammengefasst Aktivitäten im soziosanitären- (52,6 %) und im Bildungsbereich (34 %) und in geringerem Maßstab, im kulturellen Bereich und im Umweltschutz, ebenso wie im Bereich der nachhaltigen territorialen Entwicklung (vgl. Venturi, Zandonai 2012, S.41).

Überdies arbeiten sehr viele soziale Unternehmen im Bereich der Arbeitsintegration von Menschen mit besonderen Bedürfnissen (vgl. Borzaga, Fazzi 2011, S. 78).

Die neuesten Trends werden aus der für das Jahr 2012 vorgesehen aktuellsten statistischen Erhebung vorgesehen. 

Kurzer historischer Überblick

Der Non-Profit-Sektor hat in Italien eine lange Tradition, die mit Einflüssen der katholischen Kirche verbunden ist, welche über Jahrhunderte die Entstehung und Führung zahlreicher Wohlfahrtsorganisationen und Krankenhäuser gefördert hat. Überdies sind auch die Pfandleihorganisationen ebenso wie die Sparkassen in der Geschichte des italienischen Non-Profit von Bedeutung.

Der Begriff „Soziale Unternehmen“ ist im italienischen Kontext jedoch erstmals Ende der 1980er Jahre aufgekommen und wurde in der Folge am Ende der 90er Jahre durch das EMES- Netzwerk auch wissenschaftlich definiert (vgl. Borzaga, Fazzi 2011, S. 27). Diese Definition war später nicht nur zur Entwicklung weiterer rechtlicher Rahmenbedingungen auf nationaler und europäischer Ebene ausschlaggebend. Als Folge der sozialen Bewegungen in den siebziger Jahren und der Krise des Wohlfahrtsstaates in den achtziger Jahren waren zur damaligen Zeit nicht zuletzt unter Einsatz zahlreicher Freiwilliger eine Vielzahl neuer Organisationen entstanden, um sich dort einzusetzen, wo der Wohlfahrtsstaat versagte.

Die Entwicklung derartiger Organisationen wurde auf institutioneller Ebene durch die Entwicklung neuer rechtlicher Rahmenbedingungen (besondere Bedeutung hat dabei die Verabschiedung des Gesetzes Nr. 381 zu den so genannten Cooperative Sociali im Jahr 1991) und auch auf finanzieller Ebene gefördert. Dies hat mit dazu beigetragen, dass sich vor allem der Sektor der Sozialgenossenschaften in Italien bis heute massiv entwickelt hat, wenngleich die finanziellen Ressourcen von Seiten des öffentlichen Sektors bereits seit Jahrzehnten und vermehrt seit der Jahrtausendwende immer knapper werden, wodurch innerhalb des Sektors in letzter Zeit eine langsame aber zunehmende Umorientierung stattfindet, deren langfristige Folgen noch nicht endgültig absehbar sind. Obwohl sehr viele Unternehmen mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, weisen auch die aktuellen Trends auf ein Wachstum der Organisationen des dritten Sektors in Italien hin. 

Aktuelle Herausforderungen

Ähnlich wie in Deutschland, stellen die Folgen der Wirtschaftskrise und dabei auch die immer knapper werdenden öffentlichen Ressourcen zur Unterstützung  von sozialen Unternehmen den Sektor vor eine große Herausforderung.

In Bezug auf die rechtlichen Rahmenbedingungen bleibt abzusehen, welche Folgen die Verabschiedung des Gesetzes 155/06 zu sozialen Unternehmen in Zukunft haben wird.

Wie sich soziale Unternehmen in Italien Zukunft entwickeln, wird mitunter von ihrer Fähigkeit abhängen, sich stärker am privaten Markt zu orientieren, neue Kooperationen zu schaffen und sich in Bezug auf die Aktivitäten an aktuellen Entwicklungen in ihrem jeweiligen operativen Kontext zu orientieren (vgl. Defourny, 2008, S.23; Venturi, Zandonai, 2012, S. 20- 23). 

Literaturangaben

BORAZAGA, C., FAZZI L., 2008 (Hrsg.). Governo e organizzazione per l’impresa sociale. Carocci Verlag, Rom. S. 33- 54.

BORZAGA, C., FAZZI L., 2011. Le imprese sociali. Carocci Verlag, Rom.

DEFOURNY J., NYSSENS, M. (Hrsg.), 2008. SOCIAL ENTERPRISE IN EUROPE: RECENT TRENDS AND DEVELOPMENTS. EMES (European Research Network) Working Paper.

VENTURI P., ZANDONAI F. (Hrsg.), 2012. L’impresa sociale in Italia. Pluralità dei modelli e contributo alla ripresa. Rapporto Iris Network. Altreconomia Verlag, Mailand. 

Foto:  vom Event SI-Biennal, der Besuch der Sozialunternehmer auf der Architektur-Biennale in Venedig, 24. November 2012

Una risposta a “Soziale Unternehmen in Italien: die wichtigsten Zahlen eines wachsenden Sektors”

  1. “Soziale Unternehmen müssen sich untereinander verbinden und Partnerschaften mit anderen Organisationen eingehen”. Interview mit Günther Lorenz - italiagermania | il blog

    […] wenn also die Ausgangspositionen ganz unterschiedlich sind, so sind die Charakteristika der sozialen Unternehmen in beiden Ländern […]

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