Pugliesi nel mondo: Erfahrungsberichte zur Immigration und Netzwerkarbeit

Nicht nur Institutionen und die Italienische Handelskammer stehen im Fokus, sondern auch die apulische community: am 28. Juli traf sich die Region Apulien mit nach Frankfurt und Umgebung emigrierten Apuliern.

Pugliesi nel Mondo

“Wir möchten – ähnlich wie dies bereits in Spanien, Frankreich, Großbritannien und Belgien geschieht – die apulische community im Ausland unterstützen. Nicht aus einer nationalistischen Laune heraus, sondern  weil wir dieses Humankapital nutzen möchten, um die Auslandsbeziehungen Apuliens auszubauen. Wer kann letztlich die Interessen Apuliens, auch wirtschaftlicher Natur, besser vertreten als wir Apulier selbst?

Mit diesen Worten eröffnet Elena Gentile – Landesministerin für Arbeit und Soziales – das Treffen mit der Vereinigung der im Ausland lebenden Apulier (Pugliesi nel mondo) und erklärt, warum ein eigenes Büro der Pugliesi nel Mondo geschaffen wurde, dessen Programm und Initiativen auf einer eigenen Website abrufbar sind.

Die Begründung für ein solches Projekt gab die Ministerin in einem Interview  (veröffentlicht am Ende des Artikels)

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Erfahrungsberichte und Ideen der Pugliesi nel mondo

Elena Gentile eröffnet das Treffen mit einer klaren Aussage:

“in Frankfurt haben wir ein Treffen mit Euch im Ausland lebenden Apuliern gewünscht, um die Realität dieser Stadt besser kennenlernen zu können. Wir sind hierhergekommen, um uns Eure Erfahrungsberichte anzuhören in einer völlig veränderten Umwelt. Denn nicht zuletzt dank der Apulier, die wir rund um den Globus treffen, wird unsere Region von der lokalen Bevölkerung so geschätzt.

Antworten und Inputs erfolgen sofort:

Input Nr.1 – Deutsche Touristen in Vieste

Der erste Erfahrungsbericht stammt von einem früheren Unternehmer, der vor 20 Jahren nach Deutschland gekommen ist: “Ich bin aus Liebe nach Deutschland gekommen. Meine Erfahrung ist positiv. Ich arbeite heute für die Lufthansa am Frankfurter Flughafen”.

Er überbringt eine wichtige Botschaft an alle Apulier zuhause und in der Welt: “Wichtig zu wissen ist, dass die im Ausland lebenden Apulier sehr mit der Heimat verbunden sind”, und genau deshalb erlaubt er sich auch eine Kritik: “vor 10 Jahren erlebte Vieste einen Touristenboom insbesondere aus Deutschland, aber die deutschen Touristen sind aufgrund der hohen Preise in den Sommermonaten geflüchtet.

Input Nr.2 – Der Verein der in Wolfsburg lebenden Apulier

Angelo Dimitri ist mit einer ganzen Delegation von in Wolfsburg lebenden Apuliern angereist (Wolfsburg ist ca. 4 Autostunden von Frankfurt entfernt. Dort sitzt die Zentrale von Volkswagen). Er wünscht sich eine bessere Fluganbindung in einige Städte Apuliens: beispielsweise Bari und Brindisi. Um öfters in die Heimat zurückkehren zu können, aber auch um die wirtschaftlichen Beziehungen zu erleichtern.

Angelo ist der Vorsitzende des apulischen Vereins in Wolfsburg. “Wir bieten viele Aktivitäten: so haben wir beispielsweise Fahnenschwinger kommen lassen, um gemeinsam das 50jährige Jubiläum der Ankunft des ersten Gastarbeiterzuges aus Italien in Wolfsburg zu feiern”.

Input Nr.3 – Internationalisierung mit kleinem Budget

Roberto, aus Conversano in Apulien, ist Steuerberater: “Wir begleiten unterschiedlichste Firmen, gegründet von italienischen Unternehmern in Deutschland. Die apulischen Immigranten (und die italienischen im allgemeinen) entscheiden sich zur Gründung eines eigenes Unternehmens erst nach vielen Jahren im Angestelltnverhältnis”.

Roberto beobachtet seit Jahren, dass oftmals eine Geschäftsidee in Deutschland an fehlenden Investitionsgeldern scheitert. Oftmals ist das aufzubringende Budget nicht klein. Andererseits  ziehen es immer mehr Italiener, die finanzielle Mittel zur Verfügung haben, vor, in Deutschland zu investieren und nicht in Italien. Kann daraus auch ein neues Potenzial entstehen?

“Vor einigen Jahren habe ich an einer schönen Initiative mitgewirkt: ein Franchisingunternehmen eines apulischen Lebensmittelunternehmens. Aber die Initiative musste aufgrund mangelnder finanzieller Mittel, die bereits in der Startphase bis zum Erreichen des Break Even Point erforderlich waren, fallen gelassen werden. Und dann wieder werden Gelder aus Italien abgezogen, um insbesondere in Immobilien in Deutschland zu investieren. Ryanair und das Internet ermöglichen heutzutage auch Kleinstunternehmern sich mit einem kleinen Budget zu internationalisieren ” aber manchmal genügt auch das nichtEine Lösungsmöglichkeit, unter vielen, könnte der Ausbau von “Städtepartnerschaften sein, die in Deutschland sehr gepflegt werden ”.

Input Nr. 4 – Die Bedeutung der deutschen Sprachkenntnisse

Assunta, die in Apulien lebt, spricht für ihren Vater,  Vorsitzender der Vereinigung der in Frankfurt lebenden italienischen Familien. “Mein Vater ist seit 1962 hier. Gemeinsam mit meinem Mann ist er Inhaber eines Messeausstatters mit 40 deutschen Angestellten.

Als Rückkehrerin und Deutschlehrerin in Apulien, unterstreicht Assunta, wie wenig bisher Deutsch studiert wird, trotz der vielfältigen Businessmöglichkeiten insbesondere im Tourismusbereich, aber nicht nur dort (wie wir bereits in einem anderen Artikel festgehalten haben).

Assunta zeigt einen weiteren Grund auf, welche große Rolle das Netzwerk Pugliesi nel Mondo bietet: “Wieso kommen deutsche Touristen nach Apulien? Weil Apulien ihnen von apulischen Freunden empfohlen wurde ”.

Input Nr. 5 – das Konsulat als Anlaufstelle

Roberto Romita hat ein kleines Informatikunternehmen. Er lebt seit 20 Jahren in Frankfurt. Er gesteht ein, dass er mit Skepsis zu dem Treffen gekommen ist, aber ist durch die Qualität und die Art und Weise der einzelnen Beiträge positiv überrascht.

Er unterbreitet sofort einen Vorschlag: “Mir würde es gefallen, wenn das Italienische Konsulat in Frankfurt ein Bezugspunkt sein könnte, um ein Netzwerk von italienischen Berufstätigen in Deutschland aufzubauen. Solch ein Bezugspunkt würde dann nicht nur dazu dienen, die Deutschen nach Apulien zu bringen, sondern wäre auch Anlaufstelle für Apulier in Deutschland.

Abschlussworte, Büffet und Netzwerkarbeit

Elena Gentile hat sich während der verschiedenen Beiträge Notizen gemacht und die Teilnehmer nach Emailadressen gefragt, um eine Anlaufstelle in Deutschland ausfindig zu machen. Ein erster Schritt ist sicherlich, die bereits existierenden Netzwerke nutzen. Die Teilnehmer werden zum Mitwirken und Verantwortungsübernahme angespornt, ausgehend von den bereits erfolgreich realisierten Projekten wie Bollenti Spiriti und Principi attivi, die ein Netzwerk von Talenten aufbauen.

Elena Gentile über die Pugliesi nel Mondo – das Interview

Heute ist die Immigration  eine völlig andere, es verlassen nicht mehr die Arbeiter und wenig Qualifizierten das Land. Vielmehr suchen junge Studierte mit guten Abschlüssen das Glück in der Ferne, um so ihren professionellen Werdegang zu finden und die weltweiten Möglichkeiten der Berufsbildung zu nutzen, insbesondere innerhalb Europas: nicht zuletzt auch dank der Möglichkeiten, die die regionale Regierung in den letzten Jahren bietet.

Spezielle Programme, wie beispielsweise Bollenti Spiriti, haben tausenden von jungen Hochschulabsolventen  ermöglicht, ein Master im Ausland zu erlangen, um damit die eigenen Kompetenzen weiter auszubauen.

Aber ich will auch auf eine weitere Möglichkeit zu sprechen kommen: Principi Attivi, ein Start-up-Programm für Kleinstunternehmen, innovative wie kreative Unternehmen.

Durch die Schaffung dieser neuen, regionalen Programme, die über das nationale Programm hinausgehen,  haben wir versucht, neue Arbeitsmöglichkeiten zu bieten: ich denke dabei an Apulia Film Commission, eine Stiftung, die mit ihrer Arbeit Apulien als Drehort für internationale Sets promotet hat und somit vielen unserer jungen Künstler, Regisseure, Produzenten und Filmtechniker neue Möglichkeiten eröffnet hat.

Oder Puglia Sound, ein weiteres Instrument, das die musikalische Kreativität der jungen Apulier  katalysiert: Musik produzieren, die auch exportiert werden kann.

Viele dieser jungen Apulier wohnen und arbeiten heute im Ausland. In Spanien, Großbritannien, Belgien, Deutschland, Frankreich oder in osteuropäischen Ländern, die immer attraktiver werden. Wir wollen ein intelligentes Netzwerk schaffen,  ein Netzwerk mit Sensibilität und Kreativität, das den jungen Apuliern, die dem ruhigen und bequemen Alltag entflohen sind, um sich außerhalb Apuliens, außerhalb Italiens, insbesondere in dem krisenresistenteren Nordeuropa ein neues Leben aufbauen, etwas bietet. Wir wollen diesen jungen Immigranten Aufmerksamkeit schenken, weil die Apulier selbst die besten Promoter der apulischen Wirtschaft, Kultur, Tradition, des architektonischen und historischen Reichtums, unserer Naturschätze sind. Trotz aller Krisen schafft es deshalb die Region Apulien  interessante Marktanteile zu gewinnen.

Wir bitten diese jungen Leute nicht zurückzukkehren. Zumindest nicht physisch, aber sie sollen ihre guten Erfahrungen nach Apulien bringen, als eine Art immaterieller Rückkehr: ein apulischer Unternehmer, der im Ausland in der Industrie oder Kunsthandwerk erfolgreich tätig ist, kann in Apulien seine Werkstatt, sein Werk aufbauen, um  damit beispielsweise den Produktkreislauf des Made in Italy zu schließen.

Wir möchten neue Möglichkeiten schaffen und zwar innerhalb der bereits existierenden Programme und Instrumente der Region Apulien, insbesondre weil wir unserer Heimat einen internationalen Rahmen bieten möchten.

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