Entwicklungen und Tendenzen von sozialen Unternehmen in Deutschland: Interview mit Karl Birkhölzer

Mit einem Exklusivinterview von  Karl Birkhölzer, Experte in diesem Bereich nicht nur für Deutschland, sondern auch für ganz Europa, wird nun mehr darüber bekannt werden. Mit diesem Interview weihen wir unsere neue Beobachtungsstelle für Sozialunternehmen ein.

In der Rubrik sprechen über Sozialunternehmen (Social Enterpreneurship oder #socent wie man sie auf Twitter nennt). Dazu tragen  zwei qualifizierte Partner, Iris Network in Italien und das Technologie-Netzwerk Berlin inDeutschland wie auch Ulrike Griesser bei – Studentin des Masterstudiengangs  in Management der sozialen Unternehmen (Universität von Trento in Zusammenarbeit mit EURICSE).

Wir werden uns anhand von Definitionen  an das Thema annähern (Was sind soziale Unternehmen? Welche Unterschiede bestehen zwischen Europa und Amerika? Welche  zwischen Italien und Deutschland?) und durch Berichte einiger sozialer Unternehmen. Bevor wir anfangen, schauen wir uns den Standpunkt von Karl Birkölzer an.

Karl Birkhölzer: Lebenslauf

Karl Birkhölzer studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Universität von Erlangen-Nürnberg und beendete 1976 seine Doktorarbeit an der  Technischen Universität von Berlin.

Er hat für verschiedene Berliner Universitäten gearbeitet. Ab 1985 war er Direktor des Interdisciplinary Research Group Local Economy und ab 1987 Direktor der sozialen Firma Technologie-Netzwerk Berlin. Seit 2006 ist er pensioniert, aber er arbeitet weiter als Forscher im Technologie-Netzwerk Berlin und als Freiwilliger an der Technischen Universität von Berlin.

Karl Birkhölzer ist Mitglied des ’European Network for Economic Self-Help and Local Development, Vorsitzender seit 1992, des Commonwealth Association for Local Action and Economic Development – COMMACT und des Centre International de Recherches et d’Information sur l’Économie, Publique, Sociale et Coopérative – CIRIEC.

Neue Tendenzen und Entwicklungen der Sozialwirtschaft in Deutschland

Wir sind von einem früheren Bericht von Karl Birkhölzer ausgegangen, der vom Emes (Europen Research Network) 2008 publiziert wurde und in dem die Situation der Sozialwirtschaft in Deutschland als „paradox“ bezeichnet wird.

on the one hand, they almost do not exist on the political agenda nor in the public debate or the media, and not even in the academic discourse, where their study is limited to a small circle of individual experts with almost no support from official institutions. On the other hand, a social enterprise culture of quite considerable size and importance does exist; some of its elements are based on traditions which date back to the 19th century.

1 – In der EMES Studie 2008 haben Sie ein paradoxes Szenario in Bezug auf soziale Unternehmen beschrieben. Inwiefern hat es Ihrer Ansicht nach seither wesentliche Veränderungen gegeben?

Leider nicht. Das Konzept der sozialen Unternehmen ist in Deutschland nach wie vor nur einem schmalen ExpertInnenkreis bekannt und es wird weder von akademischer, noch von politischer Seite im öffentlichen Diskurs angemessen diskutiert oder anerkannt. Diese Situation ist in der Tat absurd, denn  die soziale Ökonomie hat hier eine über 150-jährige Tradition und war bzw. ist bis heute sowohl für die Wirtschaft, als auch für die Politik faktisch unentbehrlich.

2 – Wie wird diese Situation von sozialen Unternehmen selbst wahrgenommen?

Dies ist ein weiteres Paradoxon: obgleich es in Deutschland sehr viele soziale Unternehmen gibt, identifizieren diese sich zum Großteil nicht mit dem Sektor der sozialen Ökonomie, sondern mit einzelnen untereinander konkurrierenden Milieus, wie z.B. dem der Wohlfahrtsorganisationen, Genossenschaften, Stiftungen, gemeinnützigen Vereine oder selbstverwalteten Betrieben.

Ein erster wesentlicher Schritt, um dieser Situation entgegenzuwirken, wäre eine umfassende und flächendeckende statistische Erfassung der bestehenden sozialen Unternehmen, die bis dato aussteht. Bislang kann in Bezug auf quantitative Daten nur auf den Abschlussbericht der Zivilgesellschaft in Zahlen und auf Studien von Technologie Netzwerk e.V. selbst verwiesen werden.

3 – Wie schätzen Sie den Einfluss des amerikanischen Modells im deutschen Kontext ein?

Nun, ich würde sagen, dass die social entrepreneurs in Deutschland inzwischen ein neues – wiederum in sich geschlossenes – ‚Milieu’’ von sozialen Unternehmen darstellen. Zwar ist ihre Anzahl nicht besonders groß, doch sie sind im öffentlichen Diskurs sehr präsent.

Es mag sein, dass das von dieser Gruppe eingeführte label des social business, das auch von der EU (SBI) übernommen wurde, den sozialen Unternehmen eine höhere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit einbringt, was durchaus positiv zu bewerten wäre. Allerdings möchte ich betonen, dass es zwischen dem amerikanischenVerständnis von social busines/entrepreneurship und der europäischen Sichtweise bzw. Tradition von ‚sozialen Unternehmen’ nach wie vor erhebliche Unterschiede gibt. Wird im amerikanischen Verständnis nur  ganz allgemein davon gesprochen, dass die sozialen Zwecke ‚mit unternehmerischen Mitteln’ erreicht werden sollen, steht im europäischen Verständnis gerade die Wahl dieser Mittel (insbesondere die gemeinnützige Gewinnverwendung) im Vordergrund.

4 – Welches sind die wichtigsten AkteurInnen, die „Big players“ der deutschen sozialen Ökonomie?

In Bezug auf die Größenordnung und ihre wirtschaftliche Bedeutung haben die sozialen Unternehmen der Wohlfahrtsorganisationen mit ca. 1. Million Beschäftigten in Deutschland nach wie vor die größte Bedeutung, danach die Genossenschaften, aber auch die Stiftungen und in geringerem Maße gemeinnützige Vereine, Integrationsbetriebe und Beschäftigungsgesellschaften. Die social entrepreneurs sind in einer derartigen Rangordnung eher noch eine kleine Gruppierung.

5 – In Ihrer Studie thematisieren Sie unzureichende rechtlichen Rahmenbedingungen für soziale Unternehmen. Hat es diesbezüglich seither wesentliche Veränderungen gegeben?

Nein. Es hat seit unserer Erhebung im Jahr 2004, bei der neben der Untersuchung und Darstellungen zur aktuellen Rechtslage auch Empfehlungen erarbeitet wurden, leider keine wesentlichen Veränderungen, insbesondere in Bezug auf die Reform des Gemeinnützigkeitsrechts gegeben.

6 – Sie thematisieren in der EMES- Studie, dass das nationale Programm „Soziale Stadt“ positive Einflüsse auf soziale Unternehmen in Deutschland haben könnte. Welche realen Entwicklungen hat es seit 2008 geben?

Das Programm soziale Stadt ist in der Tat ein wichtiger und positiver Schritt der Politik zur Anerkennung jener sozialer Problemlagen, denen soziale Unternehmen ihre Existemz verdanken. Es wurde von Seiten der sozialen Unternehmen auch stark in Anspruch genommen. Allerdings waren die finanziellen Mittel zur (explizit ins Programm aufgenommenen) Förderung der lokalen Ökonomie  völlig unzureichend, weshalb dieses Ziel in der Regel auch nicht erreicht werden konnte.

7 – Zukunftsaussichten? Wie denken Sie wird sich die soziale Ökonomie in Deutschland bis 2020 verändern?

Die soziale Ökonomie wird wachsen. Wie sie sich im Detail entwickeln wird, hängt von zwei Faktoren maßgeblich ab: Politik und Wirtschaft(skrise). Auf der politischen Ebene zeichnet sich bereits ab, dass die Bedeutung der einzelnen Nationalstaaten zu Gunsten einer stärkeren Rolle Europas abnehmen wird. Auf der ökonomischen Ebene ist eine Kürzung der öffentlichen Förderungen und somit eine wachsende Herausforderung zu ökonomischer Selbsthilfe abzusehen. Entscheidend ist somit die Frage nach der Fähigkeit des Sektors, sich die erforderlichen Ressourcen anzueignen.

 

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